Schliessen

Podiumsdiskussion: Dressur Schweiz in der Kritik – Sektion mit Opposition konfrontiert

28. März 2019, in Allgemein, Dressur, International


Es war die Teilnahme an den Weltmeisterschaften in Tryon (USA) im letzten September, die das Fass endgültig zum Überlaufen brachte. Zu teuer war diese Expedition, sagten die Kritiker. Das Geld solle sinnvoller investiert werden, statt mit einer chancenlosen Truppe in die USA zu fliegen. Im Teamwettbewerb erfolgte dann auch nur Rang 13 von 15 Nationen – eine Schmach für den einst so erfolgreichen Schweizer Dressursport. Der Schweizerische Verband für Pferdesport SVPS arbeitete diese Misere bis heute nicht auf, im Gegenteil, er redete die Leistungen auch in Interviews schön – was nicht reicht um wieder Erfolg zu haben.

 „Wie weiter mit der Dressur? Spass haben alleine genügt nicht!“ Unter diesem Titel lud der Verband Ostschweizerischer Kavallerie- und Reitvereine OKV und die Dressurakademie Silvia Iklé die interessierten Besucher zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion ein. Auf dem Podest sass die dreifache Schweizermeisterin und mehrfache Championatsteilnehmerin Anna-Mengia Aerne Caliezi. Aus Deutschland angereist kam Ton de Ridder, Ausbildner und ehemaliger Trainer von Olympiateilnehmerin Marcela Krinke Susmelj. Als Vertreterin der Abteilung Dressur des grössten Schweizer Regionalverbandes OKV war Susanne Hunziker anwesend. Ebenfalls am Tisch Catherine Fankhauser, Verantwortliche Dressur am CHI Genf. Als einziger Verbandsvertreter wagte sich der neu gewählte Chef Sport Franz Häfliger aufs Podium. 

Rund 150 Personen fanden sich zu diesem Podium ein. Ton de Ridder machte den Anfang und gab ein klares Statement ab: 75 Prozent sei die Messlatte, wer die nicht erreiche, habe auf Championaten wenig Chance ins Finale zu kommen. Dementsprechend müsse man konzentriert trainieren und auch qualitativ sehr gute Pferde einkaufen und ausbilden. Die Diskussion verlief angeregt. Es meldeten sich Sportreiter und Richter, Tierärzte, Sponsoren, Eltern von Nachwuchsreitern.

Die Zuhörer folgten der interessanten Diskussion. Foto: Valeria Streun.

Es folgte eine spannende Auslegeordnung. Warum sind wir so tief gefallen? Wie kommen wir aus dieser Krise wieder hinaus? Warum wird das Geld beim Verband so leichtsinnig verteilt. Warum fliegt man nach Tryon und investiert nicht besser in den Nachwuchs? Aber auch die teilweise fragwürden Entscheide der Equipenchefin Elite Geneviève Pfister und der Nachwuchsverantwortlichen Heidi Bemelmans wurde von Eltern und Reitern diskutiert und hinterfragt. 

Die schlechten Leistungen der Schweizer sollen nicht weiter schöngeredet werden, forderte eine Berufsreiterin. „Wir haben nicht genügend gute Reiter und keine wirklich guten Nachwuchspferde“, meinte eine Besucherin aus dem Publikum. Und auch Ton de Ridder fügte an: „Ich habe nie ein Pferd mit einem Schweizer auf der Weltmeisterschaft der jungen Dressurpferde im Finale gesehen.“

Ton de Ridder. Foto: Valeria Streun

Es müssten vom Verband aus neue Strategien entwickelt werden, damit Schnittstellen verbessert werden können, forderten verschiedene Leute. Und auch die finanziellen Mittel müssen besser eingesetzt werden, statt einen sogenannten „Championatstourismus“ zu betreiben. In diesem Zusammenhang wurde auch der Technische Berater Gareth Hughes diskutiert. Wie kommt es, dass der Technische Berater auf Turnieren selber noch reitet? Ebenfalls auf die Waagschale gelegt wurde, dass sich zwei Reiterinnen in Aachen selberkurzfristig für einen Teamwettbewerb abmelden, nachdem die Schweiz nach Jahren wieder endlich wieder eingeladen wurde. Ton de Ridder brachte es auf den Punkt: „Wer sich so verhält muss sich nicht wundern, wenn er im nächsten Jahr keine Einladung mehr erhält.“ Man müsse sich auch mal mit den Besten der Welt messen,wenn man an namhafte Championate wolle, so De Ridder. 

Martin Kroll. Foto: Valeria Streun

„Wir wurden mit Füssen getreten und angefeindet,“ sagte Martin Kroll, der wegen Grabenkämpfen und Meinungsverschiedenheiten vor den Weltmeisterschaften als Sponsor den Stecker zog und seine Pferde einem ausländischen Reiter in Beritt gab. Zeitgleich gaben drei weitere Funktionäre den Rücktritt. Unter ihnen der geschätzte Disziplinenleiter Martin Wyss. Eben wurde bekannt, dass die Veterinärkommission vor wenigen Tagen geschlossen ihren Rücktritt gab – ebenfalls zermürbt von Kompetenzgerangel im SVPS. Der ehemalige Kommissionspräsident Marco Hermann war beim Podium im Publikum ebenfalls anwesend. 

Nur die Leitung der Abteilung Dressur des Schweizerischen Verbandes für Pferdesport SVPS distanzierte sich vorgängig mit einer Pressemitteilung von der Veranstaltung, setzte aber einen Vertreter ins Publikum. 

Nun gilt es das Ausgelegte aufzuarbeiten und mit konkreten Anträgen an den Verband zu gelangen. Um die Schweizer wieder auf die Spur zu bringen, werden Köpfe rollen müssen. Sonst ist die Angst berechtigt, dass die einstige Dressurnation in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. 

Text: Gina Kern
Fotos: Valeria Streun